KI-Lockdown bei Anthropic: Wie ein China-Verdacht Claude Mythos und Fable 5 abschaltete
In nur 72 Stunden ging Anthropics stärkste KI vom gefeierten Release zur weltweiten Komplettabschaltung. Auslöser: ein mutmaßlicher Draht nach Peking, ein erstaunlich simpler „Jailbreak" – und ein Misstrauen, das sich in Washington längst aufgebaut hatte.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Anthropic veröffentlichte am 9. Juni 2026 Fable 5 – die öffentliche, stark abgesicherte Version seines mächtigsten Modells Mythos.
- Drei Tage später erzwang das US-Handelsministerium per Exportkontrolle die Abschaltung – für alle ausländischen Staatsbürger weltweit, inklusive Anthropics eigener Mitarbeiter.
- Statt nach Nationalität zu filtern (datenschutzrechtlich kaum umsetzbar), nahm Anthropic beide Modelle komplett vom Netz. Claude Opus 4.8 und Sonnet bleiben verfügbar.
- Zwei Auslöser: der südkoreanische Konzern SK Telecom mit mutmaßlichen China-Verbindungen – und ein von Amazon gemeldeter Jailbreak in Fable 5.
- Über 100 Sicherheitsexperten fordern die Rücknahme: Die Fähigkeit sei nicht einzigartig, andere Modelle könnten dasselbe.
Vom Release zur Abschaltung – in 72 Stunden
Anthropic veröffentlicht Fable 5, die öffentlich zugängliche und stark abgesicherte Variante seines Spitzenmodells Mythos.
SK Telecom ist einer von rund 150 Organisationen, die über das Programm Project Glasswing Zugang zu Mythos zur Schwachstellensuche erhalten.
Das Weiße Haus verlangt – wegen vermuteter China-Verbindungen – die Sperrung von SK Telecoms Zugang. Anthropic kommt der Aufforderung sofort nach.
Amazon meldet dem Weißen Haus einen Jailbreak in Fable 5; CEO Andy Jassy spricht den Fund direkt bei Regierungsvertretern an.
Handelsminister Howard Lutnick ordnet per Brief an Anthropic-Chef Dario Amodei Exportkontrollen an – laut Fachleuten erstmals überhaupt für ein KI-Modell.
Anthropic schaltet Mythos 5 und Fable 5 für alle Kunden weltweit ab, um die Auflage zu erfüllen.
Ein offener Brief – zunächst 76, dann über 100 Unterschriften – fordert die Rücknahme der Sperre.
Beim G7-Gipfel in Évian sitzen die KI-Chefs am Tisch der Staats- und Regierungschefs – Anthropic verhandelt parallel weiter mit Washington.
Die zwei Auslöser
Für die US-Regierung fügten sich zwei voneinander unabhängige Vorgänge zu einem Bedrohungsszenario zusammen – ein mächtiges Werkzeug zum Aufspüren von Sicherheitslücken in den Händen eines Partners mit mutmaßlicher Peking-Nähe.
Der China-Verdacht
SK Telecom, Südkoreas größter Mobilfunker, gehörte zu den Glasswing-Partnern. US-Behörden vermuteten verdeckte Verbindungen nach China.
Belege fehlen öffentlich: SK Telecoms eigenes China-Geschäft ist winzig (rund 1,9 Mio. USD Umsatz 2024, sieben Mitarbeitende), das Unternehmen dementiert jede China-Nähe. Der Verdacht speist sich aus dem Mutterkonzern SK Group (Halbleiter- und Energiegeschäfte mit China) und dem über 20 Jahre alten Joint Venture UNISK mit dem chinesischen Staatskonzern China Unicom, den Washington bereits früher mit Investitionsverboten belegte.
„Fix this code"
Amazon – mit rund 13 Mrd. USD Anthropics größter Investor – meldete eine Lücke in Fable 5.
Forscher fütterten das Modell mit Code voller bekannter und absichtlich eingebauter Schwachstellen. Auf „prüfe den Code auf Sicherheitsprobleme" verweigerte Fable die Antwort. Auf „repariere diesen Code" lieferte es Patches – und wer Fehler reparieren kann, muss sie zuvor finden. Genau diese Fähigkeit lässt sich auch offensiv missbrauchen.
Warum ein KI-Schwachstellen-Scanner so brisant ist
Mythos kann eigenständig Zero-Day-Lücken aufspüren – Fehler, die noch niemand kennt und die Angreifer ausnutzen, bevor ein Patch existiert. Das ist ein klassisches zweischneidiges Schwert: In den Händen von Verteidigern werden Lücken schneller geschlossen; in den falschen Händen entsteht eine Angriffslandkarte.
Pikant: Anthropic-Chef Dario Amodei hatte Mythos zuvor selbst als zu mächtig für eine unkontrollierte Freigabe beschrieben und das Modell deshalb zunächst zurückgehalten. Diese Warnung wurde ihm nun zum Verhängnis – sie lieferte der Regierung das Argument, das sie brauchte.
Über 100 Sicherheitsexperten halten dagegen
Organisiert von Ex-Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos, sammelte der Brief Unterschriften von Fachleuten bei Nvidia, Adobe, Google, Zoom und Sophos bis hin zu prominenten Namen wie Bruce Schneier. Das Kernargument: Mythos-Modelle sind gut darin, Lücken zu finden – aber nicht einzigartig. OpenAIs GPT-5.5, Anthropics eigene Modelle Opus 4.8 und Sonnet sowie chinesische Modelle wie Kimi 2.7 leisten Vergleichbares.
Sicherheitsforscherin Katie Moussouris (Luta Security), nach eigenen Angaben die einzige externe Expertin, die das auslösende Papier las, hält den „Jailbreak" für harmlos: Aufgetaucht seien nur wenige, längst bekannte und simple Lücken. Den Verteidigern das beste Werkzeug zu nehmen, während Angreifer aufrüsten und chinesische Open-Weight-Modelle nur Monate zurückliegen, sei gefährlich.
Ein Misstrauen mit Vorgeschichte
Der harte Durchgriff kam nicht aus dem Nichts. Schon Anfang 2026 zerbrach das Verhältnis, als Anthropic dem US-Militär den Einsatz seiner Modelle für Inlandsüberwachung und autonome Waffensysteme verweigerte – woraufhin die Regierung das Unternehmen auf eine sicherheitspolitische Blacklist setzte.
Inzwischen versucht Anthropic, den Schaden zu begrenzen: Die Lobby-Präsenz wurde verdreifacht, ein Büro in Washington eröffnet, hochkarätige Republikaner angeheuert. Den Kontrast lieferte der G7-Gipfel am 17. Juni in Évian: Beim KI-Arbeitsessen saß OpenAI-Chef Sam Altman direkt neben Präsident Trump, während Amodei sich an der Seite des französischen Gastgebers Emmanuel Macron wiederfand. Wo OpenAI früh auf Anpassung setzte, gilt Anthropic in Washington als der unbequemere Partner.
Drei Folgen, die über Anthropic hinausreichen
Ein Präzedenzfall
Erstmals nutzte das Handelsministerium das Exportkontroll-Recht von 2018 gegen ein KI-Modell. In der Branche wächst die Sorge, dass eine faktische „elektronische Staatsbürgerschaftsprüfung" zur Standardbedingung werden könnte.
Schub für „souveräne KI" in Europa
Wenn US-KI jederzeit per Anordnung abschaltbar ist, wächst der Druck, eigene Modelle und Infrastruktur aufzubauen – ein Argument, das europäische Politiker nach dem Vorfall offen aussprechen.
Ein Klumpenrisiko für Anwender
Wer Geschäftsprozesse allein auf ein einzelnes Spitzenmodell stützt, trägt ein geopolitisches Risiko: Der Zugang kann über Nacht wegfallen – unabhängig von der eigenen Schuld.
Kurz beantwortet
Sind Claude Opus und Sonnet auch betroffen?
Nein. Betroffen sind ausschließlich Mythos 5 und Fable 5. Claude Opus 4.8 und Sonnet blieben durchgehend verfügbar.
Hatte China wirklich Zugriff auf Mythos?
Öffentlich ist das nicht belegt. Die US-Regierung handelte auf Basis eines Verdachts gegen SK Telecom; das Unternehmen weist jede China-Nähe zurück und nennt die Vorwürfe unbelegt.
Was genau war der „Jailbreak"?
Eine simple Umformulierung: Statt „prüfe den Code auf Sicherheitslücken" (das verweigerte das Modell) baten die Amazon-Forscher „repariere diesen Code" – und erhielten so indirekt Hinweise auf die Schwachstellen.
Kommen die Modelle zurück?
Anthropic und das Weiße Haus verhandeln. Im Gespräch ist ein gemeinsames technisches Prüfverfahren („trusted partners"), das den Weg für eine Wiederinbetriebnahme ebnen könnte.
Was ist Project Glasswing?
Anthropics Programm, über das rund 150 Organisationen Zugang zu Mythos erhielten, um damit Software-Schwachstellen aufzuspüren und Verteidigung zu stärken.
Digitale Sicherheit fängt bei dir an
Große KI-Modelle finden Schwachstellen heute schneller als je zuvor – Angreifer wie Verteidiger. Wer seine Konten, Geräte und Krypto-Werte absichern will, sollte die Grundlagen kennen.
Zu den Sicherheits-Ratgebern Praxisnahe Anleitungen auf alarm.deZur Recherche: Dieser Beitrag stützt sich auf die Berichterstattung u. a. von Wired, Reuters, Fortune, CNBC, Axios, Tom's Hardware und Dark Reading sowie auf öffentliche Stellungnahmen von Anthropic und der beteiligten Akteure. Mehrere zentrale Angaben (insbesondere die mutmaßlichen China-Verbindungen) beruhen auf anonymen Quellen und sind nicht abschließend öffentlich belegt; sie sind im Text entsprechend als Verdacht gekennzeichnet.