Sicherheitslücke bei Hoymiles-Wechselrichtern: Wenn dein Balkonkraftwerk aus hunderten Metern abschaltbar ist
Der Chaos Computer Club hat eine Schwachstelle in Mikrowechselrichtern von Hoymiles offengelegt: Über den unverschlüsselten Funk der Geräte lassen sich betroffene Wechselrichter aus mehreren hundert Metern Entfernung manipulieren, abschalten oder im schlimmsten Fall sogar zerstören. Der Hersteller hat inzwischen reagiert und ein Firmware-Update angekündigt. Der Fall ist mehr als eine einzelne Panne – er zeigt exemplarisch, wer bei einer Solaranlage eigentlich den Schalter in der Hand hält.
Kurz gesagt: Ursache ist der unverschlüsselte, herstellereigene DTU-Funk. Ein Broadcast-Befehl bringt die Geräte dazu, ihre Seriennummer preiszugeben – die einzige „Sicherung" fällt damit weg. Hoymiles kündigt ein Firmware-Update mit AES-128-Verschlüsselung für den 30. August 2026 an und rät, bis dahin nichts abzuschalten oder zu tauschen.
Was der Chaos Computer Club gefunden hat
Das Problem sitzt im proprietären DTU-Protokoll, mit dem Hoymiles die Funkverbindung zu seinen Mikrowechselrichtern herstellt. Ein Teil der Geräte funkt im 868-MHz-Bereich, was gegenüber WLAN deutlich größere Reichweiten erlaubt – ohne dass die Übertragung verschlüsselt wäre. Die Geräte der HM-Serie sprechen dasselbe Protokoll zwar auf dem 2,4-GHz-Band, wo der Reichweitenvorteil kleiner ausfällt, doch das ändert am Kern des Problems nichts: Die Kommunikation liegt offen.
Als einzige Zugangskontrolle dient eine Prüfung der letzten acht Stellen der Seriennummer, die jedes Funkpaket mitbringen muss. Klingt nach einer Hürde – ist aber keine. Denn es existiert ein Befehl, der ein Gerät dazu bringt, seine eigene Seriennummer zu senden. Genau das lässt sich per Broadcast aus großer Entfernung ausnutzen: Angreifer fragen die Kennung schlicht ab und haben danach freien Zugriff auf das verwundbare Gerät.
Das eigentliche Risiko: Nach Einschätzung des CCC lässt sich über den offenen Funk sogar die Firmware ohne jede Authentifizierung austauschen. Wer das kann, kann ein Gerät nicht nur abschalten, sondern gezielt umprogrammieren oder unbrauchbar machen – ohne physischen Zugang, ohne Passwort, aus der Distanz.
Welche Geräte betroffen sind
Hier lohnt der genaue Blick, denn die Angaben gehen auseinander. Gegenüber dem Fachmagazin pv magazine erklärte Hoymiles, betroffen seien lediglich ältere Geräte der HM-Serie, die seit 2023 nicht mehr vertrieben werden. Aus der technischen Aufarbeitung des CCC geht dagegen hervor, dass auch die neueren HMS- und HMT-Serien potenziell angreifbar sind. Diese Diskrepanz solltest du im Kopf behalten: Wer ein Hoymiles-Gerät betreibt, verlässt sich besser nicht darauf, mit einem neueren Modell automatisch außen vor zu sein.
Grundsätzlich ist der Wechselrichter ohnehin die heikelste Komponente einer Anlage. Er ist die einzige, die dich aus der Ferne abschalten kann – über sie laufen Firmware hinein und Betriebsdaten hinaus. Ein Fehler an dieser Stelle wiegt deshalb schwerer als an jeder anderen.
Was Hoymiles verspricht – und was das Update leisten soll
Der Hersteller arbeitet nach eigenen Angaben an einem Firmware-Update für die HM-Wechselrichter und nennt als Veröffentlichungstermin den 30. August 2026. Das Update soll bei Erscheinen automatisch auf die Geräte der Kunden aufgespielt werden. Bis dahin, so die Zusicherung, müssten Betreiber ihre Wechselrichter weder abschalten noch austauschen. Den Zeitplan und die geplanten Maßnahmen habe Hoymiles auch dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mitgeteilt.
Technisch soll das Update eine Verschlüsselung nach AES-128-CBC nachrüsten und einer Sicherheitsprüfung gemäß der EU-Funkgeräterichtlinie RED, konkret der Norm EN 18031, unterzogen werden. Damit würde nicht nur der vorgestellte Angriff unterbunden, sondern auch das simple Mitlauschen der Funkverbindung – also genau der Schritt, über den ein Angreifer heute die Seriennummer ausliest. Ein offiziell auffindbarer Kundenhinweis auf der Hoymiles-Webseite ließ sich zum Zeitpunkt der Meldung allerdings nicht ohne Weiteres finden.
Was du jetzt tun kannst: Laut Hersteller ist kein sofortiges Handeln nötig – nicht abschalten, nicht tauschen. Sinnvoll ist, den 30. August im Blick zu behalten, das Update nicht zu verzögern und danach zu kontrollieren, ob deine Firmware tatsächlich aktualisiert wurde. Wer ohnehin über eine Neuanschaffung oder Erweiterung nachdenkt, kann den Fall zum Anlass nehmen, bewusster auszuwählen.
Der wunde Punkt, den kein Prospekt anspricht
Es wäre bequem, den Fall als isolierten Herstellerfehler abzuhaken. Tatsächlich legt er ein strukturelles Muster offen. Millionen vernetzter Geräte funken heute im Haushalt, viele davon mit proprietären Protokollen, deren Sicherheit niemand von außen prüfen kann. Beim Wechselrichter ist der Einsatz nur besonders hoch, weil an ihm reale Leistung hängt und er per Bauart eine Fernwirkung hat. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „China oder Europa", sondern nüchtern: Wer hält den Ausschalter – und unter welchem Rechtssystem sitzt er?
Ein Gerät, dessen Steuerung ausschließlich über eine Hersteller-Cloud läuft, verlagert diese Kontrolle vollständig zum Anbieter. Fällt der Dienst aus, ändert sich die Geschäftspolitik oder greift eben eine Schwachstelle, sitzt der Betreiber am kürzeren Hebel. Es gibt jedoch Wege, einen Teil dieser Kontrolle zurückzuholen – vom lokalen Steuern des vorhandenen Geräts bis zur bewussten Auswahl beim Neukauf.
Wie du mehr Kontrolle zurückholst – drei Wege
1. Vorhandenes Gerät lokal steuern statt in die Cloud geben
Für Hoymiles-Mikrowechselrichter existiert mit OpenDTU eine offene, lokale Steuerung, die die Kommunikation im eigenen Netz hält, statt sie über die Hersteller-Infrastruktur zu leiten. Wie das im Alltag funktioniert und wann es sich lohnt, zeigt der Beitrag zur Nulleinspeisung mit OpenDTU. Fertige Sets und Komponenten dafür bietet ein auf dieses Thema spezialisierter Anbieter an.
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Wer einen netzgekoppelten Wechselrichter neu kauft, entscheidet damit über Jahre, wer im Ernstfall Firmware aufspielt und aus der Ferne eingreifen kann. Ein Hersteller aus der EU bedeutet nicht „keine Cloud" – aber EU-Recht, eine EU-Datenschutzaufsicht und im Streitfall einen realen Rechtsweg. Europäische Premium-Wechselrichter wie die von Fronius sind dafür eine mögliche Adresse.
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Wer den Anspruch hat, möglichst unabhängig von Netz und Hersteller-Cloud zu sein, landet bei offenen Ökosystemen wie Victron, die dokumentiert sind und ohne Internetzwang laufen. Das ist ein größerer Schritt – interessant vor allem für Ersatzstrom, Off-Grid und Krisenvorsorge, wo es genau auf diese Unabhängigkeit ankommt.
Victron-Systeme bei HUSATECH entdecken Offenes Ökosystem · läuft ohne Cloud-Zwang · AnzeigeEinordnung: kein Grund zur Panik, aber ein Weckruf
Nüchtern betrachtet ist die Lage beherrschbar. Ein Hersteller hat reagiert, ein konkretes Update mit ordentlicher Verschlüsselung ist terminiert, die Aufsichtsbehörde ist eingebunden, und eine massenhafte Ausnutzung ist nicht bekannt. Wer jetzt in Aktionismus verfällt und die Anlage abklemmt, verschenkt Ertrag ohne Sicherheitsgewinn. Zugleich sollte man den Fall nicht kleinreden: Dass eine derart triviale Funklücke über Jahre in verkauften Geräten steckte, ist ein Weckruf – für Hersteller, die Verschlüsselung endlich als Pflicht und nicht als Kür begreifen müssen, und für Käufer, die beim nächsten Kauf die richtige Frage stellen.
Häufige Fragen
Muss ich meinen Hoymiles-Wechselrichter jetzt abschalten?
Nach Angaben des Herstellers nicht. Hoymiles rät ausdrücklich, die Geräte bis zum Firmware-Update weder abzuschalten noch auszutauschen. Sinnvoll ist, den angekündigten Update-Termin am 30. August 2026 im Blick zu behalten und danach zu prüfen, ob die neue Firmware aufgespielt wurde.
Sind nur alte Geräte betroffen?
Das ist strittig. Hoymiles nennt nur ältere HM-Geräte, die seit 2023 nicht mehr vertrieben werden. Die technische Analyse des CCC führt dagegen auch die neueren HMS- und HMT-Serien als potenziell angreifbar auf. Verlasse dich deshalb nicht darauf, mit einem neueren Modell automatisch sicher zu sein.
Was genau ist die Schwachstelle?
Der herstellereigene DTU-Funk ist nicht verschlüsselt. Als Schutz dient nur eine Prüfung der letzten acht Stellen der Seriennummer – doch ein Befehl bringt die Geräte dazu, diese Kennung selbst zu senden. Angreifer können sie so per Broadcast aus der Ferne abfragen und danach auf das Gerät zugreifen, laut CCC bis hin zum Austausch der Firmware ohne Authentifizierung.
Was bringt das angekündigte Update?
Es soll eine AES-128-CBC-Verschlüsselung nachrüsten und eine Prüfung nach der EU-Funknorm EN 18031 durchlaufen. Damit wären sowohl der beschriebene Angriff als auch das bloße Mitlauschen der Funkverbindung – über das heute die Seriennummer ausgelesen wird – unterbunden.
Kann ich mich unabhängiger von solchen Herstellerproblemen machen?
Teilweise. Für vorhandene Mikrowechselrichter gibt es mit OpenDTU eine lokale Steuerung, die die Kommunikation im eigenen Netz hält. Beim Neukauf entscheidet die Herstellerwahl darüber, wer Firmware aufspielt und unter welchem Rechtssystem er sitzt. Und wer maximale Unabhängigkeit will, setzt auf offene, netzferne Systeme, die ohne Cloud-Zwang laufen.
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Grundlage dieser Einordnung ist die Berichterstattung von heise online, die technische Aufarbeitung des Chaos Computer Club sowie die Stellungnahme von Hoymiles gegenüber dem pv magazine. Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und ersetzt keine individuelle technische oder rechtliche Beratung.
Geschrieben von Michael Radtke · Stand: Juli 2026. Michael Radtke schreibt auf alarm.de verständlich über Finanzen & Kredit, digitale Sicherheit, Energie und Krypto.